Archiv für April 2017

Aufruf der Kritischen Einführungswoche im SoSe 2017

Der typische Uni-Alltag: Von Seminar zu Seminar rennen, dazwischen kurz in der Mensa essen, später noch Referate, Lerntagebücher und Essays verfassen.

Rückzug? Entspannung? Austausch? Nicht hier. Es schreit alles nach Effizienz, Leistung und Schnelligkeit. Es ist Prüfungszeit, aber du findest keinen Platz in der Bibliothek. Du hast Hunger, musst aber im Foyer essen, denn die Mensa ist laut und voll. Du brauchst eine kurze Pause, aber die Uni besteht nur aus Glas und Stahl. Auch der Campus gleicht einer Betonwüste. Sich nach den Vorlesungen mit anderen Studis an entspannten Orten austauschen können: Fehlanzeige!

Doch das sind nur die sichtbarsten Anzeichen für das, was an der Hochschule schiefläuft. Alles ist auf das Erbringen von Leistung reduziert. Gute Studis sind die, die möglichst viele Leistungspunkte in möglichst kurzer Zeit sammeln. Effizienz ist das Stichwort. Wer die Regelstudienzeit nicht einhalten kann, bekommt BAföG entzogen; seit diesem Semester erhebt die Uni Leipzig Langzeitstudiengebühren.

Wer sich in und neben dem Studium frei entfalten will, Zeit für Wissenschaft, Kultur und Austausch sucht und sich zusammen mit anderen weiterbilden möchte, erlebt schnell die Ernüchterung: Das Studium mit ECTS, Regelstudienzeit und modularisierten Plänen nimmt jegliche Möglichkeit, sich über die Vorlesungsinhalte hinaus mit gesellschaftlichen, kulturellen, politischen und wissenschaftlichen Themen auseinanderzusetzen. Dabei sind die Inhalte ohnehin schon hauptsächlich auf Auswendiglernen möglichst vieler nur angerissener Themen ausgelegt. Die Prüfungen beschränken sich oft auf das Abfragen von Fakten.
Da wundert es nicht, dass viele Studis gestresst sind und Hilfe suchen (wir alle kennen die NightLine-Poster an den Uni-Toiletten und die Flyer zur Psychosozialberatung).

Und wie kann es eigentlich sein, dass es so schwierig ist, überhaupt an der Uni angenommen zu werden? Einige Leute verbringen Jahre mit Wartesemestern, anderen wird allein schon die Möglichkeit versagt, durch Studien – und Büchergebühren. Anschlussfähigkeit an akademische Sprache und Stil in mindestens Deutsch und Englisch wird vorausgesetzt. Auch widerspricht der Erzählung der weltoffenen und toleranten Hochschule, wie schwer es geflüchteten Menschen gemacht wird – auch seitens der Uni-Leitung – studieren zu können.

Die Universität reiht sich ein in die künstlichen Trennungen, die unsere Gesellschaft durchziehen. Jede*r an seinen/ihren Platz: Arbeiter*innen? „Nicht willkommen.“ Migrant*innen? „Nur wenn ihr euch anpasst.“ Frauen*? „Gern, aber habt nicht zu hohe Erwartungen.“ Die Uni reproduziert sozialen Ausschluss, sie fördert Konkurrenzdenken, sie ist unerträglich.

Einen ersten Schritt, diese Probleme anzugehen, sehen wir darin, uns zu organisieren, Missstände zu thematisieren und Solidarität zu zeigen. Um uns zurückzulehnen, um zusammenzukommen, um uns mit Studieninhalten und -organisation kritisch auseinanderzusetzen, brauchen wir selbstverwaltete Räume.
An der Uni Leipzig gibt es solche Räume nicht, zumindest keine, die unabhängig vom StuRa selbstverwaltet genutzt werden können; sei es zum Entspannen, für wissenschaftliche Diskurse oder zur politischen Auseinandersetzung. An der HTWK existiert nicht einmal eine richtige Raumvergabeordnung. Eine Person, nämlich die Kanzlerin der Hochschule, entscheidet, welche Personen bzw. Gruppen Räume für ihre Veranstaltungen bekommen. Besonders politische und hochschulkritische Veranstaltungen werden blockiert.

Im Rahmen der KEW fordern wir diesen Sommer deshalb einen selbstverwalteten Raum für alle Studis der Uni Leipzig, der für das Miteinander, für die Wissenschaft und für die Politik von allen genutzt werden kann. Wir fordern eine Raumvergabeordnung an der HTWK, um Studis zu ermöglichen, ihre Inhalte und ihre Kritik in die Öffentlichkeit zu tragen.

Denn die Hochschule gehört uns!

Wir wollen gemeinsam lernen und nicht konkurrieren müssen!
Wir wollen uns selbst organisieren und nicht verwaltet werden!
Wir wollen kreativ sein und nicht auswendig lernen!